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Ein Beitrag von Gerd Gennen:

„Hello Alex, St.Vith is calling. Over!"

St.Vith.- „Der Weltraum. Unendliche Weiten. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise...!" Dieser Trailer bestimmte die Jugend vieler Menschen und begründete auch den „Star Trek"-Boom. Doch längst hat der Mensch den Weltraum für sich entdeckt, so dass die Arbeit im Orbit quasi zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Nach dem „Kalten Krieg" entschieden sich die Großmächte dazu im Bereich der Weltraumwissenschaft eng zusammenzuarbeiten. So entstand das ehrgeizige ISS-Projekt, das 1998 gestartet wurde und die imposante, Fußballfeld große und 450 Tonnen schwere Raumstation ununterbrochen in ca. 400 Kilometer Höhe um die Erde kreisen lässt.

 

Traumberuf

Für viele Jugendliche ist und bleibt der Beruf des Astronauten der Traum schlechthin, so dass Schüler der naturwissenschaftlichen Abschlussklassen der BSTI in St.Vith nicht schlecht staunten, als ihr Physiklehrer, Andy Backes, mit der Idee kam, sich um eine „Live-Schalte in den Orbit" zu bewerben. Der belgische Zweig von ARISS (Amateur Radio on the International Space Station) suchte eine deutschsprachige Schule und fand diese in St.Vith. ARISS, der Verbund von passionierten Amateurfunkern, der in Belgien alleine 6000 Mitglieder zählt, bietet Jugendlichen weltweit die Möglichkeit direkt mit Crew-Mitgliedern der Raumstation ISS in Kontakt zu treten. Dies soll bei den Jugendlichen Interesse für Wissenschaft, Technologie, Ingenieurskunst und Mathematik schüren und auch auf die Faszination des Amateurfunkens hinweisen.

ISS-Telefonate als Motivationsgeber

Bislang konnten seit dem Start des Projektes im Jahre 2000 nahezu 1300 Live-Schalten zur ISS organisiert werden. Nach dem Auswahlverfahren und der offiziellen Einladung stellten die Schüler einen Fragenkatalog zusammen, der von Psychologen der NASA vorab geprüft wurde. Diesen Fragenkatalog bekam der Interviewpartner, im Fall des BSTI der wohl bekannteste deutschsprachige Astronaut, Alexander Gerst, alias „Astro Alex", im Vorfeld zur Vorbereitung zugestellt. Die Internationale Raumstation ISS begann ihre Arbeit im Jahre 1998 und hat seit nunmehr fast 20 Jahren zwei Amateurfunkstationen mit an Bord.

Amateurfunk dient ISS-Sicherheit

„Das ist sehr wichtig, denn oftmals können unsere Stationen der NASA Hilfestellung leisten. Es kommt schon mal vor, dass die ISS-Antennen den Kontakt zur Bodenstation verlieren. Dann übernimmt die Kontrollstation unsere Frequenzen und Leitungen um mit den Astronauten zu kommunizieren. Aus diesem Grund ist die Kooperation zwischen den Profis von NASA, ESA und anderen Organisationen mit uns Amateuren auch durchweg herzlich", bemerkte Stefan Dombrowski, passionierter Amateurfunker aus Brüssel, der für die Schalte in St.Vith verantwortlich zeichnete. Dombrowski leitete die „Live-Schalte in den Orbit" perfekt mit einem historischen Rückblick von den bescheidenen Sputnik-Anfängen im Jahre 1957 bis hin zur „International Space Station" (ISS), die zum wichtigsten Weltraumlabor geworden ist, ein.

In 92 Minuten um die Welt

Beeindruckend hierbei sicherlich neben der Flughöhe von ca. 400 Kilometern auch die Geschwindigkeit von 7,7 km/s, was einem Stundenmittel von 28000 km/h entspricht. In nur 92 Minuten umkreist die ISS die Erde und sammelt hierbei wichtige Daten und Informationen für alle Disziplinen der Wissenschaft. Um per Funk Kontakt mit der ISS aufnehmen zu können, bedarf es eines bilateralen „Sichtkontaktes", wobei ein Wolkenhimmel oder Niederschläge gleich welcher Art den Funkwellen keinerlei Probleme bereiten. Aufgrund der beachtlichen Höhe besitzt somit der „erreichbare Horizont", also das komplette Empfangsgebiet, einen Durchmesser von 4700 Kilometern, was umgerechnet ein maximales Zeitfenster von maximal 12 Minuten bedeutet. Aus organisatorischen Gründen entschieden sich die Amateurfunker in St.Vith für eine so genannte Netbridge-Funkstation im kalifornischen Santa Rosa, die via Konferenzschaltung mit der „Beruflichen Schule Direktorat I" in Nürnberg sowie der BSTI in St.Vith den Kontakt zur ISS-Raumstation und Alexander Gerst herstellte.

Via Stockholm und Kalifornien in den Orbit

Kurz vor dem angesetzten Termin stellten sich Probleme ein und Kalifornien meldete plötzlich „weak signal". „Das kann schon mal passieren. Als Funker ist man einiges gewohnt und kann somit schnell improvisieren. Einige Handgriffe und wir hatten das Problem aus der Welt geschafft und verfügten über eine perfekte Leitung. Es kommt nur sehr selten vor, dass eine Übertragung aus technischen Gründen scheitert", erklärte Dombrowski den Schülern. Plötzlich schallte ein Rauschen gefolgt von einer ohrenbetäubenden Rückkopplung durch das Auditorium und schließlich erklang eine Stimme und sagte: „Hello, ISS is calling St.Vith, Belgium. Over". Gespannt lauschten die Schüler den weiteren Signalen und schließlich meldete sich ISS-Commander Alexander Gerst mit einem „Hallo Belgien!". Jetzt folgten kostbare Minuten, in denen wissensdurstige Schüler den Astronauten in rund 400 Kilometern über der Erde mit ihren Fragen zu seiner Tätigkeit im All löcherten. „Wie ist die Aussicht auf die Erde? Over", „Wie sieht Ihr Tagesablauf aus und wie ist Ihr Schlafrhythmus? Over", „Können Sie Ihr Körpergefühl aufgrund der Schwerelosigkeit der Enge der Raumstation mit dem auf der Erde vergleichen? Over", „Ist es schwieriger sportliche Übungen auszuführen? Over", „Was essen sie hauptsächlich auf der ISS und schmeckt es Ihnen? Over" oder „Wie ist die Luft dort oben? Over"

Für den Experten „interessante Fragen"

Alexander Gerst bescheinigte den Jugendlichen interessante Fragen und ging auch intensiv auf die verschiedenen Themen ein. Vor allem eine Frage zum Verhalten von Elektrizität im luftleeren Raum begeisterte den Wissenschaftler. Nach knapp elf Minuten ist die ISS am Rande des Empfangsgebiets angekommen, der Kontakt wird immer schwächer. Alexander Gerst entfernt sich, wird unerreichbar für die Signale der Antennen und der Kontakt bricht plötzlich und recht abrupt ab. Sowohl Moderator Eskil in Schweden als auch die Funkoperatorin im US-amerikanischen Santa Rosa zeigten sich mit der Schalte zufrieden und verabschiedeten sich von den neu gewonnenen Funkfreunden aus St.Vith und Nürnberg. Großer gegenseitiger Applaus schallte final durch die Lautsprecher und beendete das ARISS-Projekt. Die Begeisterung für Raumfahrt, Wissenschaft und Technik wurde sicherlich mit diesem einzigartigen Funkkontakt beim Nachwuchs von Morgen geweckt.

 

Dieser Artikel erschien am 24. September 2018 im Grenz-Echo. Hier eine Verknüpfung dieser Seite als PDF-Download.